Kretische Träume

Meine ganz persönliche Sicht auf Kreta, Menschen und Touristen.

Mittwoch, April 12, 2006

Heraklion. Flughafen.

Die Busfahrt ist vollkommen spurlos an mir vorbeigegangen; ich war noch betrunken von der durchzechten letzten Nacht. Gerade ging jemand an mir vorbei, der nach Mike aussah. Der Abschied war kurz und schmerzlich.
Jetzt sitze ich am Flughafen, mein Koffer ist hoffentlich auf dem Weg ins richtige Flugzeug, ich trinke Kaffee und beobachte das Treiben um mich herum. Mir gegenüber sitzen fünf grauhaarige Damen, Gymnasiallehrerinnen wahrscheinlich. Ich denke, sie hatten einen Bildungsurlaub: Knossos, das griechische Museum in Heraklion, Gortys, Phaistos und was es sonst noch an Steinen zu schauen gibt.
Ich will nicht fort, immer noch nicht. Ich hätte gern weitere Zeit zum Schauen, Kennenlernen, Träumen.
Die Toiletten sind überfüllt, und mir ist übel. Das ist kein Wunder, denn mein Frühstück bestand heute aus Bier, Raki („One more for the road!“) und Erdnüssen.
In Deutschland soll es relativ warm sein, sagt man mir. Vielleicht wird der Schock des Ankommens dann nicht ganz so groß. Hier ist das Thermometer schon bei 22° angelangt.
Die Maschine steht abflugbereit, ich bin noch immer weit davon entfernt. Der Abend im „So Far So Good“ mit Jorgos, Susanne und Stefan ist noch so nahe. Ich habe noch lange am Strand auf einer Liege gelegen, den Blick zum Himmel gerichtet, auf die Sterne und den Viertelmond. Habe ich mich wirklich richtig verabschiedet, alles dort gelassen und alles mitgenommen, was nötig war?

Red Beach. Letzter Tag.

Ich bin wehmütig, will nicht fort, und der Ausdruck „nach Hause“ kommt mir kaum über die Lippen, jetzt, da ich mich hier wieder viel mehr zuhause fühle. Gestern habe ich noch ein paar Steine gesammelt, nichts Besonderes, Erinnerungssteine, die sich angenehm anfühlen in meiner Hand.
Das Meer ist ruhig heute, der Wind kräuselt die Wasseroberfläche, man kann die Felsen sehen. Mein Blick fällt auf Paximadia, die heute sehr nahe aussehen, fast so, als könnte man hinschwimmen.
Es war eine gute Entscheidung, heute noch einmal hierher zu kommen. Der Strand liegt geschützt, so daß der Wind ein wenig abgehalten wird. Mir ist nicht nach stürmischem Wehen, bin ruhig, ein wenig traurig, möchte vom Wind nur sanft gestreichelt werden.
Für den Rest meines Lebens könnte ich hier sitzen und nichts tun als mich vom Glanz der untergehenden Sonne auf dem Wasser blenden und von der Symphonie der über Kieselsteine gleitenden Wellen betören zu lassen. Kreta ist die große Betörerin. Nirgendwo sonst gibt es dieses Licht, das schon am späten Nachmittag das Meer erstrahlen läßt, leuchtende Wellen, eine Bahn von kleinen Sonnensprenkeln auf der Wasseroberfläche, dann, mit der sinkenden Sonne, wandelt es sich vom Gleißen in ein ruhiges, schimmerndes Orange, noch immer blendend, noch immer sinneraubend und tränenrührend.
Ich gehe unter, gebe mich hin, lasse mich treiben, lasse die Insel in alle meine Poren, sterbe glückselig und komme neu und staunend in die Welt zurück. Kreta entlockt mir Tränen der Freude und der Sehnsucht, macht mich traurig, weil ich immer wieder fort muß, weil jeder Abschied mir das Herz zerreißt und ich die Sehnsucht spüren kann, während ich noch da bin.
Auch wenn – zuhause – der Himmel ohne Wolken ist und Vögel ihn in trauter Zweisamkeit bevölkern mögen, ist der Himmel hier ein anderer, schönerer. Und auch wenn – zuhause – Wärme, Licht und ein Bett auf mich warten, ist die Wärme hier berührender und das Licht wärmer. Hier bin ich ein Mensch, der genießt, schätzt, die Ruhe findet. Nichts liegt ferner als Perfektion oder auch nur das Streben danach. Es ist. Es fließt. Es glänzt.
Was bedeutet ein Stromausfall angesichts der untergehenden Sonne? Warum eine vergessene Plastikflasche wahrnehmen, wenn dieses Meer perfekt gerundete Steine ans Ufer trägt und sich in einigen Hundert Metern Höhe Muschelabdrücke im Kalkstein finden?
Nirgendwo sonst gibt es Farben wie diese, nirgendwo sonst bringt Schönheit selbst die Geschwätzigsten zum Verstummen, nirgendwo sonst genügen Geräusche wie die ans Ufer spielenden Wellen, und nirgendwo sonst gibt es das Glück, das ich hier immer wieder finde.


Liebesschwur für eine Insel

Meine stillen Tränen
küssen Dein Wasser.
Mein Lächeln
gilt Deiner Sonne.
Ich schließe die Augen
vor Deinem Glanz.
Und träume mich
in Deine Ewigkeit.



Ich weiß nicht, warum mir der Abschied dieses Jahr so unendlich schwer fällt; die drei Wochen sind wie im Flug vergangen, wunderschöne Tage und Nächte, in denen ich mich eingelassen habe auf die Insel, mich im Einklang mit dem ihr eigenen Rhythmus aus Wellen, Wind, Sonne, Wolken, Sturm und Ruhe gefühlt habe. Und jetzt zurück – es wird kühl oder sogar kalt sein, Regenwetter möglicherweise, auf mich warten Aufgaben, die mir fern liegen und mir schon hier ein Gefühl der Schwere bereiten, während doch alles Leichtigkeit war. Nein, ich freue mich nicht auf „Zuhause“!

Freitag, April 07, 2006

Agia Galini. Fressgasse.

Vor mir, im Restaurant „Zaphiros“, ein Paar, diskutierend. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, sehe nur ihre Körper sprechen. Sie scheint zu versuchen, ihm ihren Standpunkt zu erklären, sie schaut ihn an, spricht sichtlich langsam, gestikuliert, wirkt etwas gereizt, so, als hielte sie ihn für etwas begriffsstutzig. Er ist, auch sitzend, viel größer als sie, lächelt, wirkt etwas überlegen, so als sei ihm klar, daß er diesen Disput gewinnen würde. Sie hört zu, sieht ihn dabei nicht an, erwidert. Während seine Körpersprache ruhig ist, gelassen, scheint sie zunehmend erbost zu sein, das Gesprächsthema muß ihr sehr am Herzen liegen.
Sie beenden ihre Diskussion Auge in Auge; er schaut zu ihr hinunter, sie zu ihm hinauf. Unentschieden?

Es sind relativ viele gleichgeschlechtliche Paare unterwegs. Im Restaurant gegenüber sitzen zwei Männer am Tisch, der eine drahtig, trainiert, mit Glatze und martialischen Tätowierungen. Er sieht irgendwie … kritisch aus. Ihm gegenüber, mit dem Rücken zu mir, sein Freund? Partner? Liebster?, etwas fülliger. Beide sind in ein angeregtes Gespräch vertieft, sie wirken wie eine seit langem aufeinander eingespielte Einheit, vertraut. Der Glatzkopf scheint sein Essen zu genießen, er hat Pilze auf seinem Teller, in einer Hand die Gabel, in der anderen das Brot, isst langsam, bedächtig.
Gegenüber, im Café mit der Großbildleinwand, auf der jedes Fußballspiel, an dem ein Grieche beteiligt ist, übertragen wird (also rund um die Uhr), heute jedoch haben sie die Formel-I-Übertragung vorgezogen, sitzen zwei Frauen mittleren Alters, kurze, graue Haare beide. Auch sie sind in ein angeregtes Gespräch vertieft. Sind sie gute Freundinnen? Kolleginnen, die gemeinsam Urlaub machen, weil beide allein leben?
Die beiden Männer am Tisch gegenüber haben ihre Mahlzeit beendet. Beide scheinen rauchfrei zu sein.
Die Frauen sind einander zugewandt, ihre Körpersprache ist ähnlich, sind sie aufeinander kalibriert, durch jahrelange Vertrautheit? Kehrt bei homosexuellen Paaren eine ähnliche Gewöhnung ein wie bei heterosexuellen? Gehen sie fremd? Die Auswahl an geeigneten BettgenossInnen ist möglicherweise kleiner, aber ich denke, der Beziehungszyklus ist ähnlich.


Paare gehen Gleichschritt
nach einiger Zeit.
Wie Soldaten, die
lange Jahre in einer Kompanie
marschiert sind.
Blindes Verständnis?
Oder
Blinder Gehorsam?


Der alte Herr aus England kommt auch seit Jahren hierher. Noch im letzten September sah ich ihn zusammen mit seiner Frau, er machte einen kränkelnden Eindruck auf mich. Sie kümmerte sich liebevoll um ihn, und wir waren alle in Sorge, daß er in diesem Jahr nicht mehr kommen würde.
Vor einigen Monaten ist jedoch seine Frau gestorben, und er ist mit seiner Tochter hier, immer noch klapprig, heute ist die Tochter liebevoll um ihn bemüht.
Er hat sich seinen britisch trockenen Humor bewahrt und sagt oft mit völlig unbewegtem Gesichtsausdruck Dinge, die alle Anwesenden, die der englischen Sprache mächtig sind, in schallendes Gelächter ausbrechen lassen.
Abends, wahrscheinlich hat er sich zur Ruhe begeben, geht seine Tochter noch einmal allein los, strahlend, für alle, die sie zuvor gesehen hat, gibt es ein freundliches Lächeln und ein „How are you“. Ich wüßte gern, wohin sie geht und wie sie ihre Nächte verbringt. Ob sie glücklich ist mit ihrem Leben zuhause? Oder ist sie überfordert mit der Pflege des Vaters? Was für einen Beruf übt sie aus? Lebt sie allein?
Natürlich könnte ich sie all das fragen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich ehrliche Antworten hören möchte. Ich mag Geheimnisse, Dramen, Geschichten über unerfüllte Leben. Ein kleines Glück würde mich langweilen.

Mittwoch, April 05, 2006

Chania. Die drei Klöster.

Fast allein. Es ist ruhig, die Sonne brennt nach den gestrigen Regenfällen nicht mehr so heiß. Auf der Brücke sitzt eine Frau, die ebenfalls die Stille zu suchen scheint. Ich blicke hinunter in ein ausgetrocknetes, steiniges Bachbett, schon fast am Grund der Schlucht. Überall gibt es kleine Höhlen mit Heiligenbildern und provisorischen Altären. Es riecht nach Weihrauch, auch draußen auf dem Gelände. Ich bewundere das Durchhaltevermögen und den Fleiß der Menschen, die hier am Berg drei wunderschöne Klöster errichtet haben. Noch ein Stückchen weiter nach unten, dort werde ich den Strand finden. Muß ich weiter? Ebensogut könnte ich den Rest des Nachmittags hier verbringen, in Ruhe und erfüllt von einem tiefen Glücksgefühl, das sich von meiner Körpermitte ausbreitet, mich innerlich erstrahlen und Tränen in meine vom Staunen erfüllten Augen treten läßt.

Im Grunde genommen sind es drei Klöster und eine Kapelle. Das erste Kloster, Agia Triada, findet man, wenn man kurz nach dem Flughafen links abbiegt auf eine Allee, rechts und links der Straße niedrige Backsteinmauern, hinter denen schon die ersten Klostergärten sichtbar sind. Nach ein paar Kilometern fährt man auf den Hof und kann vor einer großen Freitreppe parken. Es ist das zweite Mal, daß ich dort bin, doch das Kloster habe ich noch nicht von innen gesehen. Erstens bin ich nicht richtig angezogen, Schultern und Knie sind nicht bedeckt, und ich habe auch nichts dabei, womit ich sie bedecken könnte außer einem Handtuch. Aber ich denke, ein Kloster zu besichtigen und dabei in ein Badehandtuch gehüllt zu sein, ist nicht wesentlich besser als in Shorts und Top. Zweitens, ein sehr wesentlicher Grund, interessieren mich von Menschen zusammengefügte Steine nicht sonderlich. Drittens, und dieses ist meine echte Entschuldigung, wohnt auf dem Hof ein Katzenrudel, vielleicht zehn in den unterschiedlichsten Schattierungen gefärbte, recht junge Katzen. Sobald ich die Autotür geschlossen habe, finde ich mich auf den Knien wieder, selbst laut miauend. Und sie verstehen mich. Innerhalb kürzester Zeit bin ich umringt von einem schnurrenden Haufen Fell, Pfoten, Schnauzhaaren. Sie miauen zurück, wir unterhalten uns auf das Angeregteste, sie erzählen mir von ihrem Klosterleben, ihre Körper und ihr Fell sagen mir, daß es ihnen hier sehr gutgeht. Sie haben Menschen gefunden, die Katzen mögen. Davon gibt es auf Kreta leider nicht sehr viele. Und während meine Begleiter sich dem kulturellen Teil widmen, beschäftige ich mich mit dem lebenden. Ab und zu, wenn neue Besucher ankommen, werden wir in unserer Unterhaltung gestört, denn die Damen und Herren von der pelzigen Fraktion lassen natürlich keine Gelegenheit unversucht, an einen zusätzlichen Imbiß zu kommen.
Viel zu schnell sind meine Begleiter mit der Besichtigung fertig, klauben mich, nicht ohne die eine oder andere spitze Bemerkung, vom Boden des Parkplatzes auf, und wir fahren weiter.
Es geht über eine schmale Straße, rechts und links Olivenbäume, rote Erde und viele kleine und größere Felsen. Die Landschaft sieht aus, als hätte ein Riesenkind mit Bauklötzen gespielt. Noch ein paar Serpentinen, irgendein Frühjahrssturm, vielleicht aber auch die gestrigen schweren Regenfälle, haben größere Teile des Berges auf die Straße gespült, die wir langsam umfahren müssen, dann taucht das nächste Kloster vor uns auf: Moni Gouverneto. Dieses Kloster wurde berühmt durch einen Eremiten, Johannes, der in einer Höhle etwas unterhalb des Klosters wohnte, die wir auch noch sehen werden. Er lebte dort ganz allein, ernährte sich von dem, was die Natur ihm gab und wurde beim Sammeln von Kräutern versehentlich von einem Jäger erschossen.

Dieses Kloster wird nicht besichtigt. Es gibt hier auch keine Katzen, die mir die Wartezeit vertrieben hätten. Wir betreten den abwärts führenden Weg, sehr schön gestaltet aus Steinen, der am rechten Rand einer noch recht sanft abfallenden Schlucht entlangführt. Gegenüber sind weiter Überreste von Behausungen und Höhlen zu erkennen; die Eremiten müssen sich hier die Klinke in die Hand gegeben haben. Nach ein paar Minuten erreichen wir die Bärenhöhle, die so genannt wird, weil sich in ihrer Mitte ein riesiger Stalagmit in der Form eines sitzenden Bären befindet. Dieser Ort hat eine ganz eigene Mystik. Die meisten Touristen und Wanderer lassen ihn entweder links liegen oder widmen ihm nur ein paar Minuten. Um die Höhle herum gibt es noch ein paar Ruinen, wahrscheinlich von einer Kapelle. In der Höhle selbst ist es ruhig, direkt neben dem Stalagmiten, der ihr den Namen gegeben hat, ist ein Brunnen. Man kann nicht erkennen, wo das Wasser ist, so ruhig und klar ist es, und so dunkel ist die Höhle. Am Eingang gibt es eine kleine Nische mit den unvermeidlichen Heiligenbildchen, es duftet nach Weihrauch. Vom Gelände der Kapelle aus hat man einen wunderschönen Blick auf das Mittelmeer. Es ist ruhig und friedlich.
Nach weiteren fünfzehn Minuten gelangt man zu der Höhle, in der Johannes gelebt hat. Hier ist der Frieden greifbar, und ich kann Johannes sehr gut verstehen.

Kurz darauf betreten wir die Anlage des letzten Klosters, Moni Katholiko. Die Brücke, etwa dreißig Meter hoch, überspannt die Schlucht, in ihren Pfeilern waren früher die Vorräte untergebracht. Es gibt noch eine Glocke, die man läuten könnte. Mich beeindruckt ein Haus, das kein Dach mehr hat, nur die Außenmauern stehen noch, und in seiner Mitte wächst ein Baum, dessen Krone oben herausschaut, wo einmal das Dach war.
An den Pfeilern entlang klettern wir in die Schlucht und treten die Wanderung an über Geröll und Felsen zur vermeintlichen Bucht. Von weitem sah es aus, als befände sich am Ende der Schlucht ein kleiner Sandstrand. Es sind helle Felsen. Wir klettern hinauf, genießen den großartigen Blick auf das Meer und kommen uns vor wie Piraten, die von ihrer versteckten Bucht aus die vorbeifahrenden Schiffe ausspionieren. Es gibt tatsächlich eine kleine Bucht und an ihrem rechten Ende einen kleinen, natürlichen Hafen, der Platz für ein mittelgroßes Ruderboot bietet. Irgendjemand hat die Steine behauen und eine Leine angebracht, um sein Boot hier festmachen zu können. Wir entdecken außerdem die Überreste eines Lagerfeuers und darin Knochen und Fischgräten. Wer mag hier sein Mahl, möglicherweise selbst geangelt oder gefangen, genossen haben?
Mein Kopf ist voll von den Eindrücken und Bildern, sowohl den realen als auch denen, die mir meine Phantasie schickt, als wir den Rückweg antreten. Das Licht wird langsam golden; bald wird die Sonne untergehen.

Matala. Red Beach.




Ein altes Ehepaar, grauhaarig beide, gehen nebeneinander den Strand entlang. Sie scheinen in Harmonie zu sein, auch wenn sie keinen Körperkontakt halten. Sie gehen gemeinsam ins Wasser, langsam, vorsichtig, vielleicht ein wenig ängstlich angesichts der herannahenden Wellen. Sie schwimmen ein kleines Stück, kehren dann um. Die Frau stürzt auf dem Weg nach draußen. „Wehgetan?“ ruft er aus dem Wasser. „Nein, nicht sehr!“ sagt sie und watet wieder hinein, um ihm die Hand reichen zu können.

Ein Mann mit Musketierbart und grauen Haaren schnitzt an den Steinen. Ob er all diese Skulpturen gefertigt hat? Es sind bestimmt sechs oder sieben Stück, einfach nur zwei flache Steine, ein großer und ein kleiner, hochkant auf einen Felsbrocken gestellt. Kein Kunstwerk, wenn man sie isoliert betrachtet, doch wunderschön in ihrer Anordnung. Er scheint vertieft in seine Tätigkeit; es ist schön zu beobachten, wie er an den Steinen kratzt, den Blick auf das gerichtet, was er mit seinen Händen tut. Es ist schön, mir vorzustellen, daß er im Hier und bei sich ist.

In den Felsen links der Bucht treffe ich auf einen interessanten Menschen. Er ist Maler. Er sagt, daß er in den Höhlen jenseits des Strandes lebt und daß er mich schon vorher in seiner Phantasie gesehen hätte. Ich sähe aus wie Artemis, die Göttin der Jagd, findet er. Ich antworte, daß ich keine gute Jägerin bin. Banal. Er lebt hier jedes Jahr für einen oder zwei Monate, und er rät mir, mehr von der Insel anzuschauen, bevor ich mich niederlasse.
Ich bin seltsam berührt von dieser Begegnung, er kommt mir vor wie ein mystischer Führer, sagt mir, ich hätte einen schönen Körper, aber er glaube, daß mein Geist und mein Körper sich nicht verstünden zur Zeit. Er hat recht.
Ich habe seinen Namen vergessen. Aber ich werde ihn erkennen, spätestens, wenn er mich noch einmal bittet, Modell zu sein für seine persönliche Interpretation der Artemis.
Er wirkte auf mich, als wäre da ein außergewöhnlicher Mensch in mittleren Jahren in einem jugendlichen, kraftvollen Körper unterwegs, mit wachem, neugierigem und freundlichen Geist. Ich schaue ihm nach, wie er mit traumwandlerischer Sicherheit über die Steine am Strand springt, barfuß, und kehre zurück auf mein Handtuch, habe jedoch das Gefühl, nach einem Ausflug ins Feenreich in die Welt zurückzukehren. Mein Blick wandert nach oben, zu den Felsen, von denen er herabgestiegen ist. Aber er ist nicht mehr zu sehen.

Vor mir, direkt am Wasser, steht ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, dunkelhäutig, wilde, braune Locken. Sie ist vertieft in ihr Spiel mit einem Stock, steckt ihn in den Sand, schaut hinterher, hält die Hände ins Wasser, um sich danach jeden Finger einzeln abzulecken. Sie scheint Meerwasser zu mögen. Egal, ob sie von den Wellen umgeworfen wird, Wasser schluckt, sie lacht, singt und kreischt. Vor einiger Zeit war ihr Vater (sie sehen sich nicht ähnlich, vielleicht ist es auch „nur“ ein Freund) mit ihr im Wasser, sie hielt sich an ihm fest, dann sind sie zusammen bis in die Brandung geschwommen. Sie lachte, strahlte über das ganze Gesicht. Es ist schön, wenn Kinder ganz bei einer Beschäftigung bleiben dürfen, sich nicht ablenken lassen, bei sich zu sein scheinen. Während ich die Kleine beobachte, frage ich mich, wann und warum uns diese Fähigkeit abhanden kommt. Sozialisation? Die Eltern? Die Schule?

Ich finde das Fließen immer hier wieder, am Red Beach. Hier kann ich stundenlang sitzen, mit den Füßen im Sand buddeln und kleine Wälle bauen, auf den behauenen Steinen sitzen, in die Brandung blicken und mit IHNEN, den Elfen, Feen und Göttern sprechen, die es zweifellos hier gibt. Sie antworten. Und wie im Feenreich bekommt die Zeit eine andere Dimension, vergeht gleichzeitig rasend schnell, während sich eine einzelne Minute zur Ewigkeit dehnt.

Während das kleine Mädchen, die Hände voller Sand, laut ein ganz eigenes Lied singend, seine Drehungen und Sprünge vollführt, höre ich mich wünschen, daß es diese Leichtigkeit niemals verlieren möge und daß die Eltern vielleicht sogar über die Fähigkeit verfügen, ihrer Tochter die Kindheit zu lassen, solange sie sie braucht und will.

Es ist das Licht, der Zauber der tiefstehenden Sonne, deren Strahlen sich auf dem Wasser spiegeln und einen Weg zum Horizont beschreiben. Heute ist die See so ruhig, daß die Sonnenstrahlen bis zum Meeresgrund vordringen und dort Muster aus Licht bilden, die aussehen wie eine unendlich große, gehäkelte Decke. Dieses ehrfurchtgebietende Schauspiel schafft Ruhe; es ist selten, daß am Red Beach jemand laut redet oder gar schreit. Viele hier sitzen nur auf ihren Liegestühlen, Handtüchern oder direkt am Rand der Wellen, schauen, träumen vielleicht, finden möglicherweise etwas verloren geglaubtes oder Unbekanntes.

Manchmal stört der Liegestuhl- und Sonnenschirmvermieter die Ruhe, ein kleiner Mann mit Bauch und Schnauzbart und starker Körperbehaarung. Er verteidigt sein Terrain gegen feindlichen, weil zahlungsunwilligen Zugriff. Wehe, ein „Handtuchtourist“ wagt es, sich in die Nähe der sorgsam gehüteten Liegestühle zu legen! Dann kommt der kleine Mann aus seiner Hütte, brüllt, daß es über den gesamten Strand hallt und verscheucht den Eindringling. Uneinsichtige, die sich auf eine Diskussion in bruchstückhaftem Englisch einlassen, werden schnell gewahr, daß diese Diskussionen fruchtlos sind. Er stampft mit den Füßen, schreit, kommt bedrohlich immer näher. Bisher habe ich nicht erlebt, daß ihm jemand ernsthaft Paroli geboten hätte. Auch ich war einmal in der Situation und zog den Kürzeren. Red Beach bietet genügend Platz, und ich suche hier Ruhe, nicht Recht. Allerdings hatte ich auch Sorge um die Gesundheit des kleinen Mannes, denn er wirkte, als stünde er kurz vor einem Infarkt.

Ein junges Paar taucht auf, zünftig in Wanderkleidung und mit Rucksack. Sie sind für die maximal dreißig Minuten, die der Marsch über den Berg zum Red Beach dauert, für den untrainierten Menschen, wohlgemerkt, gut gerüstet. Sie suchen sich einen Platz auf der rechten Seite, zu nahe der Stelle, an der ich Ruhe suche, diskutieren eine Weile und beginnen dann mit den Bauarbeiten: Zum Vorschein kommt ein riesiges Sonnensegel, zu dessen Halt zunächst große Steine herangeschleppt werden. Dann werden die Stangen des Segels mit großem Getöse in den Sand geprügelt. Die beiden scheinen aufeinander eingespielt zu sein; das Befestigen der diversen Schnüre vollzieht sich blitzgeschwind, wie choreographiert. Sie breiten ihr Handtuch auf dem knappen halben Meter Schatten aus, den das Sonnensegel spendet, und während er es sich bequem macht, beginnt sie mit schnellen, fast hektischen Bewegungen, eine Sandburg mit Burggraben vor ihrem Liegeplatz aufzuschichten. Was sie tut, wirkt nicht spielerisch, sondern erscheint mir, als wolle da jemand mit allen verfügbaren Mitteln eine Grenze ziehen. Die Gartenzwerge fehlen.
Die beiden entkleiden sich synchron. Dann setzt er Kopfhörer auf, sie nimmt einen Reiseführer (was sonst, es käme höchstens noch eine Bauanleitung in Frage!) zur Hand. Ich finde beide langweilig, und ich mag sie nicht. Warum?

Agia Galini. Der Stuhl. Sonnenuntergang.

Am Strand, weit hinten, wo der Weg schon ein wenig in Richtung Berg ansteigt, steht ein blauer Stuhl. Wenn ich mich daraufsetzte, fiele mein Blick über die Messarabucht in Richtung Kalamaki, Komos Beach und Matala. Ich setze mich nicht, sondern gehe daran vorbei. Vor meinem inneren Auge sehe ich jedoch Menschen, die innehalten. Vielleicht nimmt eine alte kretische Frau, ganz in Schwarz und mit Häkelzeug, darauf Platz? Sie hätte die Muße, für eine Weile zu sitzen, den Ausblick zu genießen und ihren Gedanken nachzuhängen, während sie mit ihrer Handarbeit beschäftigt wäre. Worüber würde sie nachdenken? Würde sie über ihr Leben, ihre Familie philosophieren, hätte sie Sorgen oder wäre sie frei davon?
Dann wird der Stuhl wirklich entdeckt. Ein älterer Herr, braungebrannt, setzt sich mit Blick aufs Meer, beschattet mit einer Hand seine Augen, blinzelt trotzdem. Er wirkt ruhig, zufrieden, so, als liebte er das Leben.
Kurz darauf nimmt eine sehr großgewachsene Dame Platz, legt sich vorher jedoch ein Handtuch unter und rückt den Stuhl, so daß sie den Ort betrachten kann.


Hafen und Strand liegen bereits im Schatten. Ich gehe zur Mole, setze mich, Auge in Auge mit der untergehenden Sonne, richte meinen Blick aufs Meer, das sein Bestes gibt, der Sonne als Spiegel zu dienen. Der Himmel färbt sich orange, gebenüber am Küstenstreifen vor Timbaki ist er rosa. Es ist ein Anblick, der mich jedesmal wieder zu Tränen rührt, mein Herz bewegt und mir das Gefühl gibt, zuhause zu sein. Natürlich, es gibt überall auf der Welt wunderschöne Sonnenuntergänge; aber auch auf die Gefahr, mich der Blasphemie schuldig zu machen: Dies ist MEIN Sonnenuntergang!
Das französische Grüppchen sieht das nicht so. Direkt neben mir bauen sie sich auf, hantieren mit ihren Digitalkameras, posieren solange, den Sonnenuntergang als Hintergrund, bis sie zufriedenstellende Belege zum –Beweis ihres Urlaubsgenusses geschaffen haben.
Als sie sich endlich abwenden, die Fotos sind gemacht, der Hintergrund kann also gewechselt werden, und mich wieder allein lassen, wird mir kalt. Die Sonne ertrinkt im Horizont.

Dienstag, April 04, 2006

Komos. Der Berg.


Höhenangst ist eine klassische Phobie, die den Bewegungsradius stark einschränken kann, es sei denn, man nimmt allen Mut zusammen, stellt sich der Angst und besiegt sie schließlich. Ich tue genau das und werde nach einer längeren Klettertour mit meinem ganz persönlichen Thron auf einem Felsen, weit oberhalb von Komos Beach, belohnt. Vor mir liegt die Bucht, ich kann jeden einzelnen Felsen im Wasser erkennen, direkt gegenüber liegt Agia Galini, die Häuser von Kalamaki strahlen weiß in der Sonne. Ich bin jetzt ganz allein hier oben, meine Knie zittern immer noch von der Angst, die ich während der Kletterei hatte und noch immer verspüre. Und trotzdem fühle ich mich wie die Königin der Welt!

Es hätte einen einfachen Weg gegeben, der sogar mit dem Motorrad befahrbar ist. Wir (Mario, Jan und ich) haben den Weg des größten Widerstandes genommen. Vorbei am Restaurant „Mystical View“, das zwischen Pitsidia und Matala liegt, wandern wir über einen Acker, bestaunen zwei an einem Zaun aufgehängte, etwa zwei Meter lange Schwertfischleichen, deren Filetstücke wahrscheinlich gestern im Restaurant verkauft wurden, und wenden uns dann in Richtung Berg und Meer. Ein paar hundert Meter weiter sehen wir einen kleinen Schwarm Dohlen, die aufgeregt kreisen und kreischen und wenden uns in diese Richtung. Eigentlich rechnen wir mit noch mehr toten Fischen, egal ob große oder kleine. Der Pfad, falls es denn einer war, endet an der Steilküste. Ich halte mich in respektvollem Abstand von der Abbruchkante, so daß mir der Blick auf eine Höhle im Fels, die gleichzeitig Dohlenbehausung zu sein scheint, entgeht. Ich spüre das unangenehme, aber vertraute Zusammenziehen meiner rückwärtigen Oberschenkelmuskulatur, das erste Anzeichen meiner Höhenangst, atme tief durch und richte den Blick auf Agia Galini, das von hier aus weit entfernt in der Sonne liegt. Wir wenden uns dem Berg zu und beginnen zu klettern. Ich weiß zwar, daß der Abhang hinter mir ist, aber mit Blick auf die Steine vor mir geht es schon besser.
Rastplatz ist ein kleiner Felsen; wir haben vielleicht 80 Höhenmeter hinter, besser unter uns gebracht. Die Aussicht ist atemberaubend. Meine Angst auch. Ich sitze mit dem Rücken zum Felsen, eine Hand klammert sich an die Steine, die andere an meinen Rucksack. Ich atme auf vier Zeiten ein, halte auf vier Zeiten die Luft an, und atme dann auf vier Zeiten aus, fixiere dabei meine Fußspitzen. Dann, nach mehreren Atemzügen, wage ich es, nach vorn zu schauen. Vor mir liegt Komos Beach, ich kann die Ausgrabung sehen und Kalamaki, den in Reiseführern vielgeschmähten Ferienort. Das Meer ist türkis, hellblau, tiefblau, je nachdem, wohin die Strahlen der Sonne fallen. Die Königin der Welt, das bin ich!
Wir klettern über den Felsen hinweg, ich ignoriere meine zitternden Beine und die flache Atmung, ziehe mich die letzten Meter hinauf und stehe halbwegs sicher auf einem weiteren Felsvorsprung. Während ich mich erhole, erkundet Mario den weiteren Weg. Er wird fündig, und wir wandern direkt am Fels entlang, links der Stein, rechts ein paar kretischkrüppelige Gewächse, die gnädigerweise den Blick nach unten versperren. Hier scheinen Menschen zu nächtigen! Wir finden ein paar Höhlen mit den klassischen Überbleibseln: Asche, Plastik- und Metaxaflaschen, Stoffwechselendprodukte. Es muß großartig sein, hier oben, vielleicht mit einer geliebten Person, eine Nacht zu verbringen!
Zwei Berghänge und einige Kletterpartien weiter erreichen wir unser eigentliches Ziel: Die Salzbucht zwischen Matala und Komos. Ich weiß nicht, ob dieser Ort wirklich so heißt, Tatsache ist, daß vor mehreren tausend Jahren diese Bucht der Salzgewinnung und –herstellung diente. Weiße und graue, aber glatte Felsen um uns herum, wir finden einen wunderschönen Liegeplatz auf flachen Steinen, direkt am Kopfende der Bucht. Ein wenig größenwahnsinnig ob meiner gerade vollbrachten Heldentat klettere ich noch ein wenig weiter, erkunde die Umgebung. Als ich über den Felsen hinweggestiegen bin, der die Bucht zur Linken begrenzt, sehe ich eine lange Reihe von sanft ins Meer abfallenden Kalksteinfelsen. Darin befinden sich Abdrücke von Muscheln, Fischmäulern, sogar ein versteinertes Seepferdchen kann ich sehen, und ich weiß, daß ich auf dem Meeresgrund, auf geologischer Geschichte spaziere.
Wir beschließen, für einige Zeit in der Bucht zu bleiben, schwimmen, schlafen, aalen uns wie Geckos auf den warmen Steinen.
Ein paar Stunden später, wir hatten schon fast das Gefühl, Familie Robinson zu sein ohne Kontakt zur sogenannten zivilisierten Welt, wird die Idylle jäh unterbrochen. Auf den Felsen, der die Bucht nach rechts begrenzt, fährt ein Geländemotorrad, der Fahrer kündigt sich durch mehrmaliges Hupen an. Ihm folgen etwa zehn weitere, alle Fahrer in schicker, bunter Motorradbekleidung. Die Bucht hallt wieder vom Geknatter der Maschinen, und wir beschließen, den Ort zu verlassen, solange wir noch die Mystik und die Ruhe, die er in sich trug, spüren können.
Während wir packen, ziehen sich die Motorradfahrer aus. Unter den hippen Ledermonturen kommen bläßliche, sichtlich untrainierte Männerkörper zum Vorschein. Barfuß, jeder eine Plastiktüte in der Hand, begeben sie sich unsicher schwankend und tastend in die Bucht. Sie sprechen deutsch. Laut.
Wir sind schneller und lassen das Geplapper des Zahnarztes, des Büroangestellten, des Abteilungsleiters, des Autoverkäufers und was sonst noch über ihr alltägliches Leben bestimmen mag, hinter uns. Ich denke kurz darüber nach, wie demokratisch Nacktheit ist.
Vielleicht eine halbe Stunde wandern wir über die Kalksteinfelsen, nur begleitet vom Gebrüll der Brandung, die versucht, sich noch mehr Land zu holen. Dann biegen wir ins Landesinnere ab und haben nach einer kurzen Kletterpartie den niedrigsten Punkt des Felsens, in dem sich die Höhlen befinden und der die Bucht von Matala zur rechten Seite hin begrenzt, erreicht. Immerhin, auch hier geht es noch etwa vierzig Meter steil bergab, und ich halte respektvollen Abstand von der Kante. Wir gehen den Kamm entlang, immer höher führt der Weg. Mario sucht eine Abstiegsmöglichkeit und wird auf der Höhe, an der sich die Straße ortsauswärts gabelt, fündig. Freundlicherweise sagt er mir nicht, wie tief es dort hinuntergeht, als er mich von meinem sicheren Platz in der Nähe des Plateaus abholt.
Nun, wir müssen hinunter, wenn wir nicht den letzten Bus nach Agia Galini verpassen wollen! Zu seiner Orientierung, wie Mario behauptet, in Wahrheit aber, um meinen Augen einen Fixpunkt zu geben, hat er sein Handtuch dort, wo der Abstieg ernsthaft beginnt, placiert. Ich hefte meinen Blick auf das Handtuch und den Boden unter meinen Füßen und arbeite mich langsam, sehr langsam den Weg hinunter. Dabei versuche ich verzweifelt, immer nur an den nächsten Schritt zu denken. „Jetzt kommt eine kleine Schlucht!“ höre ich, als ich beim Handtuch angekommen bin. Also klettere ich hinunter, lege dabei größere Strecken auf meinem Hosenboden oder im Krebsgang zurück. Aber es geht gut, und meine anfängliche Angst weicht einem wunderbaren Hochgefühl. Ich habe es geschafft, habe meine Angst bezwungen und bin mit wunderschönen Eindrücken und einem Gefühl der Unbesiegbarkeit belohnt worden!
Wir gehen das letzte Stück zur Bushaltestelle, und mit der hochverdienten Cola Light in der Hand setze ich mich auf den Bordstein, blicke noch einmal zurück auf den soeben bewältigten Abstieg und bin gleichzeitig dankbar, stolz und glücklich.

Jan und Mario

Mario ist vielleicht Ende zwanzig, Anfang dreißig. Er hat seinen Sohn dabei, Jan. Jan fragt unglaublich viel, sieht eine Menge und kommentiert alles. Jan ist anstrengend. Sein Vater macht einen relativ schlechtgelaunten Eindruck, ich höre sehr oft „Jan, jetzt halt den Schnabel!“ oder „Jan, ich will, daß Du während des Frühstücks ruhig bist!“. Warum hat er ihn mitgenommen? Kinder in diesem Alter, Jan ist etwa drei oder vier Jahre alt, fragen, entdecken die Welt, und hier ist er sehr weit weg von seiner bekannten Welt.
Manchmal höre ich Jan abends weinen. Dann vernehme ich auch die harsche Stimme seines Vater, kann aber nicht genau verstehen, was er sagt. Ich hoffe, beiden geht es gut.

Ich hatte das Vergnügen, eine Woche mit Jan und Mario verbringen zu dürfen, eine Woche, in der ich unglaublich viel gelernt und meine ersten Eindrücke sehr schnell revidiert habe. Mario ist nicht genervt, er erzieht Jan allein und versucht, nicht nur Vater, sondern weiterhin Individuum zu sein. Er ist liebevoll, fürsorglich, es ist deutlich zu spüren, wie wichtig sein Sohn ihm ist. Er setzt klare Grenzen. Jan ist ein kraftstrotzendes, lebendiges Kind voller Energie. Wir sind gemeinsam gewandert, geklettert, teilweise über Passagen, die mich weit mehr als nur ein tiefes Durchatmen gekostet haben. Jan, in völligem Vertrauen zu seinem Vater, hat sich aus mehr als zwei Metern Höhe in Marios Arme geworfen, ist an seiner Hand am Rande einer Steilküste gegangen, während ich mich mit zitternden Händen an den Felsen geklammert habe, während meine Knie versuchten, den Zitterwettbewerb zu gewinnen. Wir haben mehr als nur einen mehrstündigen Marsch zusammen unternommen; Jan nahm sich seine Pausen, wenn er sie brauchte, hielt sein Mittagsschläfchen eingerollt unter einem Tuch und war nach dem Aufwachen wieder voller Energie. Abends rannte er dann, während Mario und ich im Kafenion saßen, durch die Gassen von Agia Galini, spielte mit den anderen, ebenfalls noch hellwachen, kretischen Kindern.
Die Begegnung mit den beiden hat mir sehr viel bedeutet und einen tiefen Eindruck hinterlassen. Sie haben mir vorgelebt, daß Kinder nicht das Ende, sondern den Anfang bedeuten, daß es möglich ist, Mann oder Frau, die eigene Identität zu behalten und gleichzeitig Vater oder Mutter zu sein.
Für mich ist es zu spät, eigene Kinder zu haben. Aber ich werde nach dieser Begegnung mehr Respekt vor ihnen haben und die Begegnungen mit ihnen genießen. Jan und Mario werden mir fehlen.

Montag, April 03, 2006

Nur einmal möchte ich das Meer sein, um Kreta umarmen zu können.

Matala. Die Höhlen. Der Strand. Der Ort.


Ich sitze auf der Terrasse des „Lions Club“ am Hauptstrand von Matala, Blick auf die Höhlen, die Paximadia-Inseln, die heute sehr nahe zu sein scheinen und die Bucht mit dem Strand, an dem vor langer Zeit Zeus in Gestalt des Stieres mit seiner neuesten Geliebten Europa angekommen sein soll. Die Terrasse bebt bei jedem Schritt, den jemand tut. Ich hoffe, daß der griechische Sänger, der jedes Jahr hier ist, auch heute arbeitet. Ich würde gern eine dieser eigenwilligen kretischen Interpretationen der aktuellen Chart-Hits oder der Hits von gestern hören.
Das „Lions“ ist auch ein Beleg für den Wandel der Zeiten Als ich das erste Mal herkam, arbeitete hier ein Mann, den alle, er selbst eingeschlossen, nur „Captain“ nannten. Hinter der Bar an der Wand mit den vielen Fotos hängt noch immer eines, das ihn beim Fallschirmsprung zeigt, freier Fall, der Schirm noch ungeöffnet. Der Captain war ein Philosoph, man konnte mit ihm gleichermaßen Gespräche über die Ewigkeit, die kretische Lebensart, das Wetter oder den aktuellen Stand der Olivenernte führen. Er war für Ironie zu haben, die häufig sarkastisch, ja, fast zynisch werden wollte.
Klein und rundlich entsprach er nicht unbedingt dem Idealbild des abenteuerlustigen Adonis, er war bereits in mittleren Jahren, also einem Alter, in dem viele sich geistig und körperlich zur Ruhe setzen und jede Möglichkeit der Veränderung empört ablehnen. Der Captain beschloß Anfang letzten Jahres, noch einmal etwas ganz anderes zu beginnen und ist heute irgendwo in Heraklion, wo er irgendetwas mit Computern und Internet macht.
Seitdem wird das „Lions“ von einer jungen Frau und ihrem kleinen Hund geleitet. Sie hat letztes Jahr an Weihnachten geheiratet. Dieses Jahr habe ich sie noch nicht gesehen. Geblieben ist eine sehr freundliche und offene junge Frau aus Estland, die hier war für ein Semester Auslandsstudium und hängengeblieben ist. Ich kann sie verstehen.
Direkt am Wasser liegt eine junge Frau auf dem Bauch. Ihr Partner taucht, angetan mit Schnorchel und hippen Boardshorts, aus dem Wasser auf, legt Schnorchel und Taucherbrille auf dem Handtuch ab; nach einem kurzen Blick (der mir etwas resigniert scheint) auf sie geht er wieder zum Wasser zurück. Er ist gut trainiert, seine Bauchmuskeln zeigen das berühmte und erstrebte „Sixpack“. Irgendwann liegen sie nebeneinander, sie auf dem Bauch, er auf dem Rücken, keine Berührung, keine sichtbare Kommunikation. Sie wendet ihm den Kopf zu, scheint etwas zu sagen. Er wendet sich ab, zieht sich die Sonnenbrille ins Gesicht.
Ein Stück weiter steht eine Frau mittleren Alters, standesgemäß mit Liege und Sonnenschirm ausgestattet. Sie versucht, den Sand aus ihrem Slip zu entfernen, wickelt sich in ein Handtuch um die Hüften, dreht sich, das Gesäß zum Wasser gewendet (Dankeschön, zunächst, unwissend!), Richtung Strand, zieht sich die Hose herunter und präsentiert dem staunenden Publikum in den Cafés den nicht sonderlich attraktiven Inhalt. Als sie die Prozedur beendet hat, richtet sie sich häuslich unter dem Sonnenschirm ein, hängt weitere Badebekleidung der geschätzten Größe 48 – 50 auf. Ein dazugehöriger Mann ist nicht zu sehen.
Rechts von mir (ich muß mir ein wenig den Hals verrenken, um sie zu sehen, tue das aber gern) spielen zwei Männer Volleyball, einer von ihnen ist ein wahrer Adonis: Goldbraune Haut, lange, blonde Haare, muskulös, dabei drahtig, seine Muskeln zeichnen sich bei jeder Bewegung ab. Es macht Freude, ihm zuzusehen. Ich glaube, er ist der Liegestuhlgebührenkassierer und bin fast sicher, daß zumindest der weibliche Teil der Strandbesucher gern - und wahrscheinlich sehr langsam - zahlt. Ich genieße meinen Kaffee, die wunderbare Aussicht und freue mich über das Leben, das solche schönen Menschen an die Welt verschenkt.
Über all den Menschen hängt am blauen Himmel ein halber Mond; von Norden, aus dem Landesinneren, ziehen wieder Wolken auf, die aber hier, in Matala, nicht ankommen werden. Rechts die jahrhundertealten Höhlen, zu Zeiten des König Minos bevölkert von Eremiten, die sich diesen Platz zur Meditation gewählt hatten, vor dreißig Jahren dann besetzt von Hippies, die eher auf Marihuanakonsum und freie Liebe aus waren. Heute schützt ein Zaun die Höhlen vor unberechtigtem Zutritt und weiterer Verschmutzung. Wer sie trotzdem sehen und vielleicht einen Blick in die Jahrhunderte tun will, muß Eintritt bezahlen.
Doch es ist schwer, Eremiten, vielleicht sogar Zeus und Europa zu erkennen angesichts weißer, zumeist übergewichtig schnaufender Körper, die auf gemieteten Liegen schlafen und ihr ungeschütztes Fleisch Helios, dem Sonnengott, zum Opfer darbieten.
Links des Strandes finden sich Restaurants und Bars, dazwischen provisorische, unbewohnt aussehende Häuser Marke „Eigenbau“. An der Mauer des kleinen Anlegers steht seit langer Zeit „Today is life, tomorrow never comes…“
Am Ende dieses Weges hat Stavros, der Maler, sein Haus. Früher durfte man sich setzen, einen Ouzo aus seinem Kühlschrank nehmen und ihm beim Malen zusehen, vorausgesetzt, man hielt den Mund. Stavros malte damals mit Acrylfarbe, die sofort eintrocknet, wenn man seine Arbeit unterbricht. Vor vier Jahren hatte er eine deutsche Freundin, die ihn domestizieren wollte. Ich hoffe, daß ihr das nicht gelungen ist, wage aber auch nicht, den Weg an all den Restaurants vorbei zu ihm zu gehen, weil ich das Ergebnis fürchte.

Vor dem Café „Zafirios“ schließe ich Bekanntschaft mit einer kretischen Katze. Katzen sind kongruent in ihrem Verhalten. „Hast Du etwas zu fressen, machst Du den Eindruck, streichelwillig zu sein oder sitzt Du mir im Weg?“ Ein kurzes, fragendes „Reauu?“, dann läuft sie über meinen Rucksack, setzt sich zielstrebig auf meinen Schoß. Dort trampelt und bleibt sie, bis sie einen anderen, besseren Platz ausfindig macht. Unverbindlichkeit. „Ich mag Dich, solange es eben dauert. Dann gehe ich. Möglicherweise mag ich Dich trotzdem noch.“ Katzenart.
Der letzte Hippie von Matala. Inzwischen hat er ein Gehwägelchen, das an ihm und seiner Erscheinung seltsam deplaciert wirkt. Aber er lebt, das ist gut. Und er nimmt seinen ersten Drink zur gleichen Uhrzeit wie letztes Jahr. Wann mag er sich entschlossen haben, hier zu leben? Mir scheint, als sei er schon immer hier gewesen. Malt er noch? Wovon lebt er? Hat er einen Rhythmus, der mit dem Strom der (Tages-)Touristen nichts zu tun hat? Ich sehe ihn jedes Jahr aufs Neue zwischen dem „Lions Club“ am Strand und dem „Zafiria“ hin- und herpendeln. Frage mich, ob er den Winter auch hier verbringt, zusammen mit den zwanzig Einwohnern, die Matala auch außerhalb der Saison die Treue halten.

Körpersprache. Griechische Männer scheinen sich ihrer Rolle bewußter zu sein als der klassische, hellhäutige Mitteleuropäer. Egal, ob sie im Auto sitzen, im Kafenion, ob sie Busfahrer sind, Sonnenschirmvermieter oder Straßenkehrer, Bedienung im Restaurant, stets scheint es, als markierten sie ein für Außenstehende nicht sichtbares Revier. Sie werfen sich in die Brust, werden einige Zentimeter größer, zeigen Präsenz. Ich würde sie gern einmal im Privaten sehen, von außen, als unsichtbare Zuschauerin. Wie mögen sie sich dort geben?
Dagegen die Mitteleuropäer… Möglicherweise tragen sie zuhause Anzug und Krawatte, hier gewanden sie sich in Bermudas, Sandalen und meist weiße, bis zur Mitte der Wade hochgezogene Socken. Ausgerechnet die übergewichtigen und infarktgefährdeten sparen sich häufig das Hemd. Die Schultern sind leicht nach vorn gebeugt, so, als bearbeiteten sie noch immer eine unsichtbare Tastatur, der Gang ist eher schlurfend, es scheint vielen schwerzufallen, die Füße weiter zu heben als unbedingt nötig. Ob es im Urlaub als Erleichterung empfunden wird, von der aufrechten Haltung des Homo Oeconomicus in die gebeugte des Homo Rudolfensis zu fallen?

Manchmal bereue ich mein aus dem Drang, möglichst viele Menschen kennenlernen zu wollen, wurzelndes, allzu forsches Vorgehen. Manchmal ist es besser, sich die Menschen aus der Ferne zu betrachten, schweigend sie und ich. Da war ein junger Mann am Strand, grauhaarig, nicht sonderlich muskulös, aber ohne Brille recht gutaussehend. (Ohne Brille auf MEINER Nase, wohlgemerkt!) Ich habe ihn soeben angesprochen, er sitzt auch auf der Terrasse des „Zafiria“. Sein Mund verzog sich beim Sprechen, was ihn nicht attraktiver machte, vor allem jedoch war er nicht intelligent und sächselte.

Samstag, April 01, 2006

Im Bus

Busfahren auf Kreta ist unglaublich spannend; für eine zweistündige Tour sollte man ein Aufnahmegerät oder besser eine Videokamera mit sich führen, denn einen besseren Ort für soziologische und psychologische Studien gibt es nicht.
Da ist zunächst der Fahrer, der, ein König in seinem etwa siebzig Untertanen umfassenden Reich, mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck, als zählte er Küchenschaben, die Sitzreihen abschreitet, um einschätzen zu können, ob noch ein zweiter Bus benötigt werden könnte. Dann scheucht er die Passagiere, die in eine Richtung wollen, wieder hinaus und treibt sie zum Kollegen hinüber. Insbesondere die Touristen reagieren auf dieses rüde Benehmen wie ängstliche Schafe, laufen zwischen den Bussen hin und her, verunsichert ob der knappen, kretisch und englisch wild gemischten Anweisungen.
Nachdem sich Fahrgäste und Situation entzerrt haben, starten wir mit einiger Verspätung. Vor mir ein älteres kretisches Ehepaar, er mit verkrüppelten Fingern an der linken Hand. Was mag ihm zugestoßen sein? Sie wirken wie eine Einheit auf mich, seit langer Zeit aufeinander eingespielt.
Dann steigt ein englisches Paar etwa gleichen Alters ein. Sie versucht sich glamourös, ganz in weiß, die rotblond gefärbten Haare kunstvoll zu einem vogelnestartigen Gebilde drapiert, durch ihre durchsichtige Hose kann man einen ebenfalls weißen Spitzenslip erkennen. Sie hat sich recht gut gehalten. Beide haben es mit der Dosierung ihrer schweren Duftwässerchen etwas übertrieben.
Direkt neben mir zwei junge kretische Frauen, offensichtlich streng religiös, da sie sich bei allem, was auch nur ansatzweise nach Kirche, Kapelle oder Heiligenbildchen aussieht, bekreuzigen, eine von ihnen sogar, während sie in der freien Hand ihr Mobiltelefon hält und weiterspricht.
Dahinter sitzt ein Paar aus Deutschland, Ruhrgebiet, wie es klingt. Er ist griesgrämig, seine Stimme hat diesen „Och nö, nicht das jetzt auch noch!“-Klang. Ihre Bemerkungen beantwortet er barsch, lehrmeisterhaft. Interessant dabei ist, daß er selten recht hat, wenn er sie verbessert. Er hat starkes Übergewicht, insbesondere um die infarktgefahrkennzeichnende Körpermitte herum. Sie verschwindet neben ihm, ich nehme nur ihre leise Stimme wahr.
Dann ist da noch ein weiteres englisches Paar, der Beweis dafür, daß Liebe nichts mit dem körperlichen Erscheinungsbild zu tun haben muß. Sie ist extrem adipös, trägt leicht angeschmutzte, vormals weiße Bermudas aus Baumwolle, die sich zwischen den Oberschenkeln die Beine hochschieben, darüber ein ärmelloses weißes Shirt, mindestens XXL, unter dem sich der ebenso überdimensionierte BH abzeichnet. Sie ist höchstens Ende zwanzig, eher jünger. Er könnte sich hinter ihr verstecken, ist recht attraktiv, drahtig, Brillenträger. Tauchten sie einzeln auf, kaum jemand käme auf die Idee, sie für ein Paar zu halten. Sie wollen nach Pitsidia. Am Militärstandort zwischen Agia Galini und Timbaki steigen Soldaten zu, es fällt das Wort „Mires“. Die beiden haben nicht verstanden, daß der Bus, bevor er nach Mires weiterfährt, in Phaistos, einer minoischen Palastanlage hält und man dort nach Matala und Pitsidia umsteigen kann. Weder der Fahrer noch der Fahrkartenverkäufer noch irgendjemand sonst im Bus scheint Lust zu verspüren, es ihnen zu erklären. Sie sagt mit schriller, hektischer Stimme: „Then we’ll get off!“ Der Bus rollt an, die Tür schließt sich. Er, ebenfalls etwas lauter: „We will get off here!“ Der Bus hält, die Tür öffnet sich. Während sie an mir vorbeigeht, sehe ich einen Fleck hinten an ihren Shorts. Mit einer – vielleicht unangemessenen – Mischung aus leichtem Ekel, Mitleid und Amüsiertheit wende ich mich ab.
In Phaistos sehe ich die beiden wieder; ein freundlicher Fahrer eines vorbeifahrenden Ausflugsbusses hat sie mitgenommen, und sie scheinen ihre Pläne geändert zu haben. Gemeinsam, allerdings ohne Körperkontakt, betreten sie die Anlage.
Ja, Busfahren auf Kreta ist ein Abenteuer!

Kokkinos Pirgos. Sunflowers.

Maria und Jürgen – nach ihren eigenen Erzählungen begann es (auch?) bei ihnen mit immer länger gebuchten Ferien, irgendwann waren sie öfter und länger hier als in Deutschland, und dann fiel der Entschluß, auf Kreta leben zu wollen. Ich habe sie in ihrem ersten Café kennengelernt, zunächst nur Maria. Sie ist eine beeindruckende, manchmal furchteinflößende Persönlichkeit mit festen Regeln. Keine Füße auf den Nachbarstuhl, kein mitgebrachtes Essen, was mehr als verständlich ist! Sie ist gnadenlos ehrlich. Und sie hat eine klare Haltung zum Leben, dem Sinn und dem ganzen Rest.
Nachmittags kommt Jürgen. Ich habe bis heute nicht herausfinden können, was die beiden aneinander bindet. Sie streiten, sie maulen sich an, ich habe noch nicht gesehen, daß sie sich in den Arm genommen oder länger als zur Begrüßung geküßt hätten, aber sie leben miteinander. Ihr Café ist ein Treffpunkt der Gestrandeten. Hierher kommen Aus- und Einwanderer, Urlauber, vorzugsweise aus dem Ruhrgebiet, die wenig anderes tun während ihrer Ferien als trinken. Manche beginnen den Morgen mit einem Metaxa. Ich warte bis nachmittags.
Da ist die alleinreisende Dame, die zwischen Düsseldorf, Sylt, Thailand und Agia Galini pendelt, der alte Mann aus Wien, ich dachte, er sei vielleicht sechzig, ein gealterter Hippie, doch er feiert demnächst seinen achzigsten Geburtstag, trinkt Kamillen- und kretischen Kräutertee.
Hier sitze ich morgens nach durchfeierter Nacht, kein Schattenplatz mehr, bin so aber auch nicht gezwungen, mich den anderen Katergeplagten anzuschließen. Während ich meinen ersten Kaffee trinke, lasse ich die Blicke schweifen: Neben mir eine alleinreisende junge Frau, vielleicht Mitte dreißig mit einem kleinen, dunkelhäutigen Mädchen, Céline, offensichtlich ihre Tochter. Sie setzt die Sonnenbrille nicht ab, erzählt irgendetwas von einem D-Zug, der sie nachts umgefahren hat und nennt ihre Tochter „Mäuschen“. Daneben ein schlanker, müde aussehender Mann um die vierzig, der klassische „Ruhrpottarbeiter“ mit Oberlippenbart. Als ich ihn das erste Mal traf, war er gerade frisch getrennt und wurde von Maria entsprechend bemuttert. Auch in dieser Saison beginnt er den Tag mit einem Bier, lächelt selten. Er scheint die kleine Céline zu mögen.
Im Schatten sitzt eine ältere Dame, fahle Haut, Krampfadern, tiefe Falten durchziehen ihr Gesicht. Sie wirkt erschöpft, redet wenig, trinkt abwechselnd Kaffee mit Raki oder Metaxa.
Ich könnte die Aufzählung fast unendlich fortführen: Karla, adipös und fast blind, sehr still, wahrscheinlich hat sie Hemmungen, schämt sich wegen ihres Erscheinungsbildes. Wenn sie ißt, beugt sie sich tief über ihren Teller, als könnte sie sonst nicht erkennen, was sich darauf befindet. Ihre Freundin Conny, ist Erzieherin, eine Frau, mit der man sich sehr gut unterhalten kann, eine Erholung nach einer Menge Small-Talk oder gar Sprachlosigkeit. Das Ehepaar aus Soest, die sich sofort, nachdem sie ihre Koffer auf dem Zimmer abgestellt hatten, auf Bier und Raki niederließen und erst gingen, als sie nicht mehr gehen konnten.
Ich mag Maria und Jürgen. Ich mag nicht die Gesellschaft, die sich vor dem Sunflowers versammelt, deutsch und traurig bis in die Knochen. Aber es ist eine gute Anlaufstelle für den Ankunftstag, das erste Bier und den Kaffee am Morgen.

Die Jungs.

Heute sind „Die Jungs“ angekommen, drei Männer um die vierzig, vielleicht auch etwas jünger, ich will ihnen nicht Unrecht tun, aus Hamburg. Sie wurden schon gestern von Eva angekündigt, und ich war gespannt, wer da auftauchen würde.
Sie sind ein seltsames Gespann: Jakob, lange, bereits graue Haare, zum Zopf gebunden, mit Intellektuellenbrille, ist der Gesprächigste und, wie mir scheint, auch der mit dem meisten Witz. Die beiden anderen (ihre Namen habe ich sofort nach der gegenseitigen Vorstellung wieder vergessen) gehören zunächst eher zur schweigsamen Fraktion.
Nach einiger Zeit komme ich aber doch mit einem von ihnen ins Gespräch. Wir unterhalten uns über Kinder und wie man deren Selbstbewußtsein stärken kann. Er hat zwei Töchter, auf die er nach eigenem Bekunden sehr stolz ist. Das bedeutet, daß es unter normalen Umständen auch eine Frau Namenlos geben muß. Allerdings hindert ihn das nicht daran, sich innerhalb kürzester Zeit in mein Lächeln zu verlieben, mir immerfort zu beteuern, wie nervös ich ihn mache und auf das Allerheftigste zu flirten. Heute abend, in Ausgehkleidung, das relativ weite Hemd verdeckt seinen Bauch, sieht er recht annehmbar aus. Morgen früh wird er sich in Bermudas und Achselshirt der Lächerlichkeit preisgeben und der Flirt mit mir wird ihm peinlich sein, weshalb er seine Sonnenbrille selbst beim Frühstück im Schatten aufbehält und vermeidet, in meine Richtung zu sehen.
Dabei ist nichts Verwerfliches an einem Flirt, selbst eine kleine Urlaubsaffäre wäre doch in Ordnung, wenn er weiß, zu wem er zurückkehrt! Dumm ist es, sich für seine Gelüste (gleichgültig, ob man ihnen nachgegeben hat oder nicht) zu schämen, denn erst hier beginnt echter Betrug. Bedeutet es doch, daß man den oder die Partnerin für einen Moment tief im Herzen eingeschlossen hat, um ungestört den Geschmack eines anderen Menschen zu kosten und später zu bereuen, daß es gemundet hat. Das ist dann zusätzlich ein Betrug an sich selbst.

Die Jungs erscheinen in der Regel am späten Vormittag, bestellen sich Frühstück (fettig, reich an Cholesterin und arm an Vitaminen), essen, rauchen, trinken Kaffee und gehen dann zum Strand. Dort liegen sie zwar nicht immer auf der gleichen Liege, aber immer vor dem gleichen Restaurant. Am späten Nachmittag wandern sie dann mit der Karawane der Strandheimkehrer zurück in den Ort, tun, was alle Touristen zwischen Strandbesuch und Abendessen tun und bewegen sich dann in die „Taverna Horiatis“, etwas außerhalb des Ortskerns. Dort essen sie jeden Abend. Manchmal findet man sie später wieder in einer der Kneipen des Ortes, Bier trinkend. Was sie vor dem Schlafengehen tun, entzieht sich meiner Kenntnis.
Sie kommen wie ich jedes Jahr, nehmen normalerweise auch immer das gleiche Hotel. Ob Herr Namenlos in jedem dieser Urlaube versucht, eine Bekanntschaft für die Nacht zu machen? Oder war es wirklich mein „unglaubliches Lächeln“, das ihn Frau und Töchter hat vergessen lassen? Er arbeitet im Support, wie es neudeutsch heißt, hilft Menschen, deren Lebensinhalt ein anderer als ein Flachbildschirm mit davorliegender Tastatur ist, die alltäglichen Kämpfe mit ihren elektonischen Helfern siegreich zu überstehen. Er hat ein Einfamilienhaus. Nachdem ich ihn in diesen lächerlichen Bermudas gesehen habe, blaß wie ein Stück dänischer Höhlenkäse, kann ich ihn mir nicht mehr als einen erfolgreichen und halbwegs wohlhabenden Freiberufler vorstellen. Kleider machen Leute. Keine Kleider auch.
Er war inspirierend.


Urlaubsgarderobe

Nicht genug damit,
daß sie fett sind,
Bermudas tragen,
die ihnen zwischen den Beinen
hochrutschen,
sie geben auch vor,
genau diesen Zustand
zu erstreben,
die fröhlichen Dicken.
Arthrose.
Diabetes.
Verfettung der inneren Organe.
Manchmal
rauchen sie auch.

Spätestens jetzt sollte ich etwa sechzig Prozent der bloglesenden deutschen Bevölkerung gegen mich aufgebracht haben und entschuldige mich auf das Allerhöflichste, falls ich jemandem mit meinen Zeilen zu nahe getreten sein sollte!

Pitsidia. Restaurant Thalasso.

Der schöne George Clooney… Ich habe keine Ahnung, wie sein richtiger Name ist, er sieht aus wie eine schlanke und noch jungenhaftere Ausgabe des Schauspielers. Sein Restaurant heißt „Thalasso“, und er ist ein Künstler. Noch letztes Jahr war das Restaurant ein reiner Familienbetrieb, er im Service, sein Bruder und seine Mutter in der Küche. Man brauchte viel Geduld und durfte nicht allzu großen Hunger haben, wenn man das Thalasso aufsuchte. George (lassen wir es dabei…) bediente allein die etwa zehn Tische, und er nahm sich für jeden einzelnen Gast Zeit. Er trank mit jedem seinen Raki, alle wurden persönlich begrüßt, Küßchen auf jede Wange für die Damen, eine herzliche, von Schulterklopfen begleitete Umarmung für die Herren. Das Essen, das irgendwann gebracht wurde, war gleichermaßen köstlich wie nebensächlich.
In dieser Saison scheint der Bruder nicht da zu sein, George kocht, und zum ersten Mal seit ich Kreta besuche, gibt es zwei Bedienungen, die nicht zur Familie gehören.
Und schon ist es nicht mehr dasselbe. George fehlt, seine Herzlichkeit, seine Verbindlichkeit und sein Charme fehlen. Natürlich, die Bedienungen sind freundlich und bemüht, auch herzlich, aber es ist nicht dasselbe. Ich stelle fest, daß es eigentlich niemals ums Essen gegangen ist, gleichgültig, wie gut es war. Es ging um George, und mir wird klar, warum er manchmal nahezu manisch wirkte, so als hätte er Aufputschmittel genommen. Möglicherweise ging es nicht anders, konnte er ohne Raki und Wasauchimmer überhaupt nicht funktionieren. Nahezu ununterbrochen für andere da sein, jedem einzelnen Gast das Gefühl geben, er oder sie sei etwas ganz Besonderes, sich die kleinen Geschichten und Eigenheiten merken, von Anfang April bis Ende Oktober, sieben Tage in der Woche, zehn oder mehr Stunden jeden Tag.
In einem unbeobachteten Moment habe ich George einmal an einem Tisch sitzen sehen, im Hintergrund, es waren nur noch wenige Gäste da. Er wirkte unendlich erschöpft, müde, leer. Als er meinen Blick bemerkte, straffte er sich, zauberte sein wunderschönes, breites Lächeln auf die Lippen und winkte mir zu. Meine vorherige Wahrnehmung hätte ebensogut ein Trugbild meiner übersteigerten Phantasie sein können.
Und obwohl ich weiß, daß das, was George während der Saison tut, Knochenarbeit ist, obwohl mir klar ist, daß er keinen seiner Gäste als Freund betrachten wird, sondern nur als Kunden und daß er gegen Ende der Saison kurz vor dem Zusammenbruch steht (so wie alle dort), obwohl ich ihm die relative Ruhe der Küche gönne, in der er zwar auch gefordert ist, viel arbeiten muß, aber auch einmal schimpfen oder schlechtgelaunt sein darf, fehlt er mir. Wenn George nicht selbst bedient, ist das Thalasso ein Restaurant unter vielen, qualitativ hochwertig zwar, aber nichts Besonderes mehr. Schade.

Kalamaki. Restaurant Gavdos.

Da ist das deutsch-kretische Ehepaar, Betreiber des Restaurant Gavdos. Inzwischen haben sie drei Söhne, und obwohl sie die Hauptarbeit hatte, sehen alle ihm ähnlich, was strenggenommen unfair ist.
Sie lebt von Montag bis Freitag in Mires, kümmert sich um die Kinder und kommt nach Schulschluß am Freitag nachmittag nach Agia Galini, um im Restaurant zu helfen. Die Jungen toben derweil auf der Straße herum, die eigentlich keine ist. Es heißt, daß er von Montag bis Freitag mit Touristinnen schläft, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Ihr wünschte ich, daß die Gerüchte ihm unrecht tun. Allerdings wirken die beiden auf mich eher professionell, nicht wie ein Paar, ich sehe keine Berührungen, nichts Vertrautes. Aber das kann natürlich auch mit den kretischen Sitten zu tun haben; dort küßt man sich nicht in der Öffentlichkeit. Sie sieht großartig aus, nicht so, als hätten die Kinder ihrem Körper zugesetzt. Vielleicht gibt es nächstes Jahr schon einen neuen Sohn...
Er spricht kaum Deutsch, obwohl die beiden schon mindestens 12 Jahre verheiratet sein müssen, sie dagegen perfekt Griechisch. Er fährt sie oft an, wenn er glaubt, daß sie einen Fehler gemacht hat, doch auch sie wirkt relativ gereizt.
Ich wüßte gern, wie diese Beziehung zustande gekommen ist; noch mehr interessiert mich allerdings, was sie aufrecht erhält. Schaut man ihr ins Gesicht, erkennt man Resignation, eine tiefe Traurigkeit. Ich könnte mir vorstellen, daß es für einen anderen Weg zu spät scheint, da sind die Kinder, die auf Kreta eine freie, warme und beschützte Kindheit erleben, wie Deutschland sie ihnen kaum bieten könnte. Auch die Qualität des deutschen Schulsystems steht nach den letzten Pisa-Studien nicht mehr zur Diskussion. Vielleicht denkt sie auch überhaupt nicht darüber nach, ist pragmatisch, lebt, arbeitet, erzieht, vielleicht ist die Beziehung der beiden ja viel besser als es von außen den Anschein haben mag. Andererseits wirkt er selten wirklich interessiert an anderen Menschen, er hört nicht zu, und jeden Tag begrüßt er die Ankommenden mit den gleichen Floskeln. Er scheint nur dann zu leben, wenn er mit seinem Boot auf dem Meer ist, tauchen, jagen, harpunieren. Dann wirbelt er hektisch herum, freut sich wie ein kleines Kind über jeden Fang, strahlt. Doch auch hier hat er (außer unter Wasser) das Handy nahezu ununterbrochen am Ohr. Wenn es wasserdichte Mobiltelefone gäbe, hätte er eines, da bin ich sicher!

Mike, der Kellner des Gavdos, altersmäßig irgendwo zwischen Anfang und Ende vierzig einzuordnen, wirkt auf den ersten und auch auf den zweiten Blick wie ein Grieche, ist aber Deutscher auf Sinnsuche. Auch er ist professionell, breites Lächeln, weiße Zähne, charmant. Wenn er erzählt, daß er den größten Teil des Jahres auf Kreta lebt, möchte man ihn um seine Freiheit und Unabhängigkeit beneiden. Eine Unterhaltung mit Mike belehrt eines Besseren. Sein Rücken ist kaputt; er mußte schon diverse Operationen über sich ergehen lassen, beide Knie ebenfalls (wahrscheinlich die Menisken), und er leidet unter Migräne, Tinnitus und Schlafstörungen. Wenig von dem, was er tut, scheint er zu genießen, er hat Angst vor einer neuen Regierung, die dem KLEINEN MANN noch mehr an die Geldbörse gehen wird (und Mike ist der KLEINE MANN!), Angst vor dem Leben.
Sobald sein Job im Gavdos beendet ist, fallen Charme, Lächeln und Leichtigkeit in sich zusammen. Was bleibt, ist ein trauriger Deutscher, der sogar die Suche nach dem Glück aufgegeben zu haben scheint.

Es ist leicht, sich anhand von Gerüchten, Beobachtungen und verzerrt durch den eigenen Wahrnehmungsfilter Geschichten über die Leben anderer Menschen auszudenken. An die Fee hätte ich den Wunsch, ein paar Stunden oder Tage in ihren Schuhen laufen zu dürfen.

Agia Galini. Der T-Shirt-Shop

Gegenüber des Alter Ego befindet sich ein T-Shirt-Shop. Sein Besitzer kommt jeden Vormittag, irgendwann zwischen neun und elf Uhr, kurbelt recht langsam die Markise nach unten, hängt seine Hemden auf, unter der Markise und am Schaufenster, stellt seine Garderobenständer auf die Straße und setzt sich ins Kafenion direkt neben seinem Laden. Dort spielt er mit seinem Rosenkranz, trinkt Kaffee und wartet auf Kunden. Die kommen allerdings selten. Kopierte Markenware ist schon lange nicht mehr gefragt, nur ältere Menschen, die modisch nicht ganz auf der Höhe sind, verirren sich in das Geschäft und kaufen von Zeit zu Zeit sogar etwas.
Um die Mittagszeit herum erhebt er sich, hängt T-Shirts und Hemden wieder ab, trägt sie in den Laden, kurbelt die Markise recht langsam nach oben, schließt die Tür und fährt auf seinem altersschwachen Moped nach Hause, wo immer das sein mag.
Am späten Nachmittag kommt er wieder, hängt seine Hemden auf und setzt sich ins Kafenion neben seinem Laden. Abends verkauft er selten mehr als vormittags. Bleibt zu erwähnen, daß er irgendwann am Abend wieder aufsteht, alles zurückhängt, sein Geschäft abschließt und nach Hause fährt.
Er scheint in all den Jahren, in denen ich sein Tagewerk beobachte, weder zu altern noch sich sonst zu verändern. Ich frage mich: Was tut er, wenn er zuhause ist? Liebt er jemanden? Wie ernährt er sich (denn sein Laden tut das sicher nicht!)? Was macht er mit seinem Leben außerhalb der Saison? Ist er glücklich mit dem, was er tut? Und wenn nicht glücklich, dann wenigstens erfüllt oder zufrieden?
Gerade macht er das Licht in seinem Laden aus. Ich höre die Kasse rattern. Zu lange, als daß sie die Geschäfte des vergangenen Tages belegen könnte. Ich wüßte wirklich gern, ob er glücklich ist.